
Trotz der noch immer sommerlichen Temperaturen ist der Herbst da.
Der Herbst ist dieser beinahe mystische Übergang zwischen Sommer und Winter, eine Brücke, die zwei Pole miteinander verbindet: Licht und Schatten, Ausdehnung und Rückzug. Es ist eine Zeit des Wandels, in der die Natur langsam ablegt, was gewesen ist, und sich auf die Stille des Winters vorbereitet.
Es ist eine Jahreszeit, die uns genau das lehrt: loszulassen. Einen Gedanken, eine Gewohnheit, eine Haltung, etwas, woran wir noch festhalten. In Worten klingt es so einfach, doch im eigenen Leben ist es oft gar nicht so leicht umzusetzen.
Auch in der buddhistischen Tradition spielen Nicht-Anhaftung und die Fähigkeit loszulassen eine wichtige Rolle auf dem Weg zu mehr innerer Freiheit und tiefer Gelassenheit.
Für mich bedeutet Loslassen vor allem Vertrauen. Es bedeutet, zumindest für einen Moment die Illusion aufzugeben, alles unter Kontrolle haben zu können, und zu lernen, uns etwas anzuvertrauen, das größer ist als wir selbst. Etwas, das wir vielleicht weder sehen noch greifen können und dessen Gegenwart wir dennoch spüren. Eine Präsenz, der wir uns anvertrauen und die wir um Hilfe bitten können – besonders in jenen Momenten, in denen wir den Weg vor uns selbst nicht mehr klar erkennen können.
Dieses Jahr hat mich das Leben mehr als einmal auf die Probe gestellt. Es hat mich mit Situationen konfrontiert, die ich nicht kontrollieren konnte, und mich vielleicht einfach dazu aufgefordert, zu vertrauen. Und gerade in einigen der schwierigsten Momente durfte ich zugleich sehr schöne und tiefgehende Erfahrungen machen.
Eine davon ereignete sich im Juni, kurz bevor mein Vater diese Welt verließ.
Auf den ersten Teil dieser Geschichte bin ich nicht besonders stolz, denn ich habe etwas getan, das man nicht tun sollte. Aber ich erzähle euch die Geschichte so, wie sie passiert ist.
Diese Zeit war aufgrund des Gesundheitszustands meines Vaters sehr belastend. Meine ganze Familie und ich befanden uns irgendwie in einem Schwebezustand, den Ereignissen ausgeliefert. Ich vielleicht noch ein bisschen mehr, denn trotz meiner 46 Jahre war ich – und bin es auf eine gewisse Weise wohl immer noch – Papas „Kleine“.
Eines Tages war ich mit dem Auto unterwegs. Mein Vater war erneut ins Krankenhaus eingeliefert worden, und ich versuchte, meinen Bruder zu erreichen, damit wir uns wegen der Besuche und der Gespräche mit den Ärzten organisieren konnten. Tief in mir hatte ich bereits gespürt, dass mein Vater im Begriff war zu gehen, und dieses Gefühl machte mich sehr unruhig.
Ich fuhr gerade auf der Autobahn, als mein Bruder mich nach mehreren Versuchen endlich zurückrief. Genau in diesem Moment beschloss die Freisprechanlage, nicht zu funktionieren.
Also nahm ich das Handy und hielt es in die Nähe meines Kinns.
Ich weiß. Das macht man nicht. Und stolz bin ich darauf ganz bestimmt nicht.
Aber in diesem Moment war es in meinem Kopf und in meinem Herzen ein Notfall.
Und genau da fuhr plötzlich ein Polizeiauto an mir vorbei und auf der Anzeige erschien:
„FOLLOW ME“.
Für einen kurzen Moment fühlte ich mich wie eine Serienkillerin auf der Flucht.
Ich war so nervös, dass ich statt 120 km/h vermutlich nur noch 60 fuhr.
Und dann begann ich zu beten. Ich rief all meine Ahnen im Himmel um Hilfe an:
„Bitte, sorgt dafür, dass mir nichts passiert.“
Als ich schließlich dort anhielt, wo die Polizisten auf mich warteten, stieg ich mit erhobenen Händen aus dem Auto, beinahe so, als würde ich mich ergeben, und fing schon an zu reden, bevor sie überhaupt etwas sagen konnten:
„Sie haben recht. Ich war eine Idiotin. So etwas macht man nicht. Mea culpa. Und falls Sie meinen Führerschein sehen wollen, sage ich Ihnen gleich: Den habe ich auch noch zu Hause vergessen. Ich möchte das, was ich gerade durchmache, nicht als Ausrede benutzen, aber ich bin völlig neben mir, weil es meinem Vater wirklich sehr schlecht geht. Ich wollte mit meinem Bruder sprechen, und die Freisprechanlage hat nicht funktioniert. Also bitte, geben Sie mir einfach die Busse …“
Sie sahen mich an und sagten:
„Zunächst einmal tut es uns sehr leid wegen Ihres Vaters. Und ja, was Sie gemacht haben, sollte man nicht tun. Aber Sie waren sehr ehrlich und selbstkritisch und wissen selbst, dass Sie einen Fehler gemacht haben. So etwas kann passieren, und angesichts dessen, was Sie gerade durchmachen, können wir das verstehen. Aber bitte machen Sie es nicht noch einmal. Und für Ihren Vater wünschen wir von Herzen alles Gute.
Ach, noch etwas: Falls Sie auf der Autobahn noch einmal einem Polizeiauto folgen müssen, dürfen Sie ruhig 120 fahren. Sie haben den ganzen Verkehr aufgehalten!“ 😄
In diesem Moment, irgendwo zwischen Erleichterung und Ungläubigkeit, konnte ich nur noch lächeln.
Ich bedankte mich von Herzen bei ihnen und sagte ihnen, dass sie in diesem Moment für mich wirklich zwei Engel gewesen seien.
Ich stieg wieder ins Auto und legte mein Handy diesmal ganz konsequent in den Kofferraum.
Dann schaltete ich das Radio ein.
Und nur wenige Augenblicke später erklangen die ersten Töne von Angels von Robbie Williams.
Ich blieb einfach da und hörte zu.
Gerade eben hatte ich meine Ahnen um Hilfe gebeten. Gerade eben hatte ich diesen beiden Polizisten gesagt, dass sie für mich Engel gewesen seien.
Und nun lief im Radio ausgerechnet Angels.
Zufall?
Vielleicht.
Oder vielleicht gibt es Momente, in denen uns das Leben auf seine ganz eigene Weise daran erinnert, dass wir nicht allein sind.
Ich glaube, manche Präsenzen müssen nicht erklärt werden. Es gibt Dinge, die wir weder sehen noch greifen können und die wir in bestimmten Momenten dennoch ganz deutlich spüren.
An diesem Tag, als ich mich verloren, verängstigt und ohne jegliche Kontrolle über das fühlte, was gerade geschah, hatte ich um Hilfe gebeten.
Und auf irgendeine Weise fühlte ich mich gehört.
Vielleicht bedeutet Loslassen auch genau das.
Es bedeutet nicht, aufzugeben oder nichts mehr zu fühlen. Es bedeutet anzuerkennen, dass nicht alles in unseren Händen liegt. Es bedeutet, das zu tun, was wir tun können – und wenn wir nichts mehr tun können, den Mut zu haben, uns anzuvertrauen.
Uns auch dem anzuvertrauen, was wir nicht sehen, aber dennoch spüren können.
So wie die Bäume im Herbst: Sie halten ihre Blätter nicht aus Angst vor dem fest, was kommen wird. Sie lassen sie los, eines nach dem anderen, und vertrauen sich dem Kreislauf des Lebens an.
Vielleicht können auch wir hin und wieder lernen, dasselbe zu tun.
Loszulassen.
Und den Mut zu haben, uns dem Unsichtbaren anzuvertrauen.
Und jetzt, Papa, bist du mein Engel. 🤍
