Zwischen Angst und Verbindung

Im letzten Newsletter habe ich euch sehr persönlich von meiner Zeit in Indien erzählt – von Angst, von Unsicherheit und davon, wie sich mein Vertrauen Schritt für Schritt wieder entwickeln durfte.

Wie versprochen, nehme ich euch heute weiter mit in diese Reise.

Mein Mann war bereits abgereist und ich bin noch eine Woche geblieben, um zu meditieren, Yoga zu praktizieren und mich vor allem ein wenig zurückzuziehen, um tiefer bei mir selbst anzukommen. Meine Tage waren schön, aber auch sehr intensiv.

Indien ist für mich ein zutiefst mystischer Ort, aber auch voller Gegensätze. Im Laufe des Tages gibt es so viel zu verarbeiten, weil viele Situationen etwas in mir berühren und mich einladen, tiefer hinzuschauen. Gleichzeitig ist es ein Ort, mit dem ich mich sehr verbunden fühle: Seit über zehn Jahren bin ich Teil einer indischen Familie, die sich auch ein Stück wie meine eigene anfühlt.

Wenn ich mich zurückziehe, schaue ich normalerweise keine Nachrichten. Generell verfolge ich sie nicht viel, weil ich überzeugt bin, dass die Dinge, die ich wissen muss, ihren Weg zu mir finden.

An diesem Samstag jedoch, als der Konflikt im Nahen Osten ausgebrochen ist, war ich gerade von einem Markt zurückgekommen. Plötzlich hatte ich den starken Impuls, die Nachrichten zu lesen. Zu diesem Zeitpunkt war noch keine Rede von Flughafenschließungen, aber ich spürte sofort den Impuls, einen anderen Flug zurück in die Schweiz zu buchen, da ich vier Tage später über Abu Dhabi hätte zurückreisen sollen.

Im Gespräch mit anderen Reisenden schien die Situation jedoch noch nicht „ernst“ zu sein. Einige meinten, ich solle abwarten und schauen, was meine Airline vorschlägt. Und da kam der Zweifel.

Irgendwann fühlte ich mich fast ein bisschen dumm dafür, so schnell reagieren zu wollen. Ich spürte Scham. Ja, weil ich Angst hatte.

Angst vor der Situation.
Angst, zu schnell zu reagieren.
Angst, nicht zu reagieren und festzustecken.

Ich habe mich in mein Zimmer zurückgezogen und geweint. Alleine.

Dieses Weinen war befreiend. Ich habe mir erlaubt, alles zu fühlen – und es dann loszulassen.

Danach, mit mehr Klarheit, habe ich meinen Computer genommen und einen Direktflug gebucht. Ohne zu warten. Ohne nach Bestätigung zu suchen. Ich habe das getan, was sich in diesem Moment für mich richtig angefühlt hat.

Am nächsten Tag ist das Chaos ausgebrochen: Es gab keine verfügbaren Flüge mehr aus Indien und viele Menschen sind gestrandet.

Warum erzähle ich euch das? Nicht, um zu sagen, dass ich es besser gemacht habe als andere. Sondern weil wir oft tief in uns drin schon wissen, was richtig wäre… und es trotzdem nicht tun. Weil wir uns schämen. Weil wir Angst haben. Weil wir anfangen, an unserem eigenen Gefühl zu zweifeln.

Ich selbst habe mich von Angst, Zweifel und Scham durchströmen lassen. Aber in diesem Moment habe ich mich entschieden, sie liebevoll anzunehmen, ohne sie wegzudrücken.

Und genau dort kam die Klarheit. Oder vielleicht ist sie gar nicht gekommen – vielleicht konnte ich sie einfach zulassen. Nennt es Intuition, innere Stimme oder etwas Höheres… diese Klarheit, diese Verbindung, die mir ermöglicht hat zu wählen.

Und die Wahrheit ist: Diese Verbindung ist immer da – in jedem von uns, in jedem einzelnen Moment.

Con amore,

Maria Grazia

Maria Grazia Stomeo

Photos by
Albert Caruso & Thomas Hadorn
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